Iris Bouhra – Freie Autorin

im Islam

3.6 Die Beschneidung im Islam

3.6.1 Beschneidung ist Sunna

 

Obwohl sich im Koran[1] kein direkter Hinweis auf die Verbindlichkeit der Beschneidung von Knaben finden lässt, nimmt die rituelle Beschneidung  innerhalb der islamischen Gemeinschaft einen sehr hohen Stellenwert ein, sie wird als allgemein verbindliche religiöse Pflicht angesehen und ist ein Teil der männlichen islamischen Identität, die unabhängig vom individuellen Grad der Religiosität durchzuführen ist.

Neben dem Koran wird die vorbildliche Lebensführung des Propheten Mohammed (Sunna) im Islam als wesentliche religiöse Quelle angesehen. In einer Vielzahl von als echt angesehenen Prophetentraditionen (Hadithen) wird die Entfernung der Vorhaut als üblich für die frühe islamische Gemeinde geschildert. So soll Mohammed gesagt haben:

 „Abu Hureira, Allhas Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürliche Veranlagung) gehören fünf Dinge: die Beschneidung (Der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.“   Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496 (27)[2]

 

Die rituelle Reinheit (Tahara) nimmt im Islam einen breiten Raum ein. So ist die Gültigkeit des rituellen Gebets, das fünfmal täglich verrichtet werden sollte, von der rituellen Reinheit des Betenden, die u. a. durch die Beschneidung erlangt wird, abhängig.

Tworuschka  vertritt die Auffassung, dass der Prüfling durch die Beschneidung „sowohl die Fähigkeit zur Duldung von Schmerzen als auch seine Heiratsbereitschaft dokumentiert.“[3]

Nach Melanie Miehl[4] ist es für die Mehrheit der Musliminnen unvorstellbar und inakzeptabel, einen nichtbeschnittenen Mann zu heiraten. Aus Gründen der  Abgrenzung gegenüber der jüdischen Beschneidungspraxis soll „nicht am achten Tag beschnitten werden“.[5] Wird die Beschneidung ab dem siebten Lebensjahr durchgeführt, dann „verbindet sie sich mit dem Übergang in die Männerwelt.“[6] Nach Miehl steht der Aufwand, der für das Beschneidungsfest betrieben wird, nicht in Relation zum ungleich geringeren religiösen Gehalt. Des Weiteren erwähnt die Autorin hygienische Vorteile, die u.a. die rituelle Waschung vereinfachen.

Peter Heine schreibt von einem Übergangsritus, nach dem der Junge beginnt, in die Männerwelt hineinzuwachsen:

„Wie in vielen anderen traditionellen Gesellschaften ist auch in der islamischen Welt die Beschneidung ein Übergangsritus, durch den ein Individuum aus einem sozialen Status in einen anderen übertritt. […] Die Übergangsriten sind die Voraussetzung für die Aufnahme bestimmter sozialer Aktivitäten und Aufgaben.“[7]

 

3.6.2 Die Beschneidung aus islamischer Perspektive

 

Nadeem Elyas[8] nahm ausführlich Stellung zu der Frage: Ist die Knabenbeschneidung überhaupt Pflicht im Islam?[9]

  1. Die Knabenbeschneidung wird im Islam in Anlehnung an die Tradition des Propheten Abraham und an die jüdische und ursprüngliche christliche Tradition weitergeführt. Der Gesandte Allahs (…) sagte: „Zur ursprünglichen Natur der Menschen gehörten fünf Handlungen: Die Beschneidung, das Abrasieren der Schamhaare, das Kurzschneiden des Schnurrbarts, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel und das Auszupfen der Achselhaare.“ So wird die Beschneidung bei allen muslimischen Völkern seit Jahrhunderten als islamische Tradition und Pflicht gepflegt.
  1. Die Verpflichtung zur Beschneidung ist durch die Sunna (Aussagen und Handlungen des Gesandten Allahs) belegt. Denn der Koran und die Sunna gelten gemeinsam als die Quelle der Rechtslehre im Islam; sie ergänzen und erklären sich gegenseitig. In der Regel enthält der Koran zusammengefasste Aussagen, die die Sunna ausführlich durch Aussagen und Lebensweise des Propheten darlegt.
  2. Ausgehend von der Sunna gilt die Beschneidung sowohl bei Sunniten als auch bei Schiiten als islamische Pflicht und gehört zu den Glaubensüberzeugungen der Muslime. Bei zwei der sunnitischen Rechtsschulen (der Shafiitischen und der Hanbalitischen) sowie bei den schiitischen Rechtsschulen gilt die Beschneidung als Wajib (Pflicht). Bei den restlichen sunnitischen Rechtsschulen (der Hanafitischen und der Malikitischen) gilt sie als Sunna Muakkadah (Mit Nachdruck empfohlenen Prophetentradition).
  3. Die Beschneidung soll im Neugeborenen Alter, z.B. am 7. Lebenstag oder später bis zur Geschlechtsreife vollzogen werden. Ist dieser Zeitpunkt überschritten, bzw. erfolgt der Übertritt zum Islam nach der Geschlechtsreife, entfällt die Pflicht. Der empfohlene Charakter dieser Tradition bleibt nichtsdestotrotz bestehen.
  4. Bei den meisten muslimischen Völkern wird die Beschneidung am 7. Lebenstag in Verbindung mit der Namensgebung vorgenommen. Zur Tradition gehört zudem, dass am 7. Lebenstag die Namensgebung und die Beschneidung erfolgen. Es werden zwei Schafe geschlachtet, deren Fleisch an Arme und Bekannte verteilt wird. Die Kopfhaare des Neugeborenen sollen abrasiert und abgewogen werden. Deren Gewicht wird in Silber als Almosen ausgegeben werden. Bei den Türken und den turkmenischen Völkern festigte sich die Sitte, die Beschneidung kurz vor der Geschlechtsreife vorzunehmen. In Verbindung damit wird ein familiäres Fest gefeiert.
  5. Die Beschneidung kann jeder Sachkundige vornehmen. Es bestehen keine Einschränkungen bezüglich der Religion und des Geschlechts der Person, die die Beschneidung vornimmt. Sie muss lediglich für diesen Eingriff ausreichend fachlich geschult sein. [Hervorh. d. Verf.]

Somit gehört die Beschneidung zur männlichen islamischen Identität und ist Voraussetzung für die Aufnahme in die islamische Gemeinschaft.

 

3.6.3 Das Fest der Beschneidung

 

Die Beschneidungsfeierlichkeiten werden in der Regel individuell gestaltet und sind insbesondere abhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Familie. Weitere Unterschiede können kultureller Natur sein. Darüber liest man bei Tworuschka:

„Der erste Tag des zweitägigen Festes wird „Henna-Abend“ genannt. Dann werden dem Jungen drei Finger mit Henna rot gefärbt. Diesen „Henna-Abend“ feiert der Junge noch in Gesellschaft der Frauen. Am Tag darauf beginnt das Fest der Männer. Koranlesungen finden statt, und nach Gebeten und Moscheebesuch führen die erwachsenen Männer den Jungen in einer Prozession durch die Stadt. Daran anschließend wird der Knabe beschnitten. Nach der Beschneidung müssen die Jungen einige Tage eine Art Nachthemd tragen. Alle, die einen Jungen in solchem Gewand sehen, beglückwünschen ihn und schenken ihm Süßigkeiten oder Geld.“[10]

 

3.6.4 Dügün Sünnet : Das türkische Beschneidungsfest

 

Die Beschneidung markiert im Leben eines Muslims einen wichtigen Lebensabschnitt. Im Türkischen wird das Beschneidungsfest „sünnet dügün “ genannt, dabei steht „dügün“ für „Hochzeit“ und „sünnet“ für „Sunna“, dem vorbildlichen Weg des Propheten. So bezeichnet zeigt sich die große Bedeutung im Bewusstsein der Gemeinschaft der Muslime, der Umma.

Necla Kelek hat ihre Erfahrungen bei einer Beschneidungsfeier in der Türkei wie folgt beschrieben:[11]

„Überall auf der Welt lassen muslimische Väter ihre Söhne beschneiden, um aus ihnen  ‚richtige Männer zu machen. Mit einem großen Fest feiert man diese traditionelle Zeremonie, die „Beschneidungshochzeit“.

und:

„ […] sünnet dügünü heißt wörtlich übersetzt „Beschneidungshochzeit“. Und wie eine Hochzeit wird das Fest sowohl im muslimischen wie auch in der säkularen türkischen Gesellschaft gefeiert. Es ist eine Initiation – erst wenn dem Jungen in einem feierlichen Ritual die Vorhaut beschnitten worden ist, wird er ein vollwertiges Mitglied der umma, der Gemeinschaft der Muslime, und als Mann akzeptiert.“

sowie:

„Bereits Monate vorher wurde ein großer Hochzeitssaal gemietet, die Frauen und Männer meiner Familie begannen, Pläne für das Fest zu schmieden. […] das Fest dauert, wenn man es „richtig“ macht, drei Tage. Am ersten Tag wird wie bei einer richtigen Hochzeit ein Henna-Abend gefeiert, am zweiten Tag findet die Beschneidung statt, und am dritten Tag kommen Verwandte, Freunde und Nachbarn zum Gratulieren. […] Bei der Größe der Familien kamen schnell zwei- bis dreihundert Personen zusammen.“

und:

Sünnetci, Beschneider, ist in der ländlichen Türkei ein richtiger Beruf. (…) An Wochenenden geht der Sünnetci mit seinem Besteck von Familie zu Familie, um seine Arbeit zu verrichten.“

und:

„Später wurden kleine Mullsäckchen in Henna getaucht und jedem in die Handfläche gebunden. Die Männer […] tupften sich Henna auf den Nagel oder in die Hand. Mit diesem Zeichen schließt sich symbolisch der Kreis der Gesellschaft – alle gehören einer Gemeinschaft an.“

sowie:

„Am nächsten Morgen wurden meine Neffen in ihre Festanzüge mit Krone und Pelerine gekleidet. Für den Vormittag war ein Reiter mit zwei Pferden bestellt. Die sünnetcocuklari, die Beschneidungskinder, durften als Prinzen zu Pferde durch den Ort reiten, […], und wurden überall mit Applaus begrüßt. Anschließend wurden die beiden in eine Kutsche gesetzt und […] durch den Ort kutschiert. Zu Hause bekamen sie scherbet, Zuckerwasser, gereicht und mussten sich dann auf das dekorierte Sofa im Wohnzimmer setzen.“

und:

„Plötzlich standen ihre Paten vor der Tür. (…) Der Beschneider rückte mithilfe von Onkel und Paten einen großen Tisch in den Flur, den er mit einem weißen Tuch abdeckte. Den Kleinen wurden im Schlafzimmer die Anzüge ausgezogen und bodenlange weiße Herrenhemden mit Kragen und Manschetten übergestreift.“

 

Der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der von sich sagt, er sei ein „deutscher Muslim“, erinnert sich an den Tag seiner Beschneidung:

 „Am Vortag der Beschneidung nahm mich meine Mutter bei der Hand und ging mit mir durch die Straßen unseres Viertels. Ich steckte in einem weißen Prinzenkostüm. Kinder kamen herbeigelaufen, berührten mich. Junge Frauen und reife Damen lächelten mich an. Sie strahlten, und ich himmelte sie an. Ich bekam kleine Geschenke: ein Netz voller Murmeln, nach Veilchen duftende Stofftaschentücher, Kamm und Schnürsenkel. Am nächsten Tag, gegen Abend, kam der Beschneider. Er sprach mit mir wie mit einem kleinen Mann. Ich saß auf einem Stuhl, ein Onkel mütterlicherseits stand zu meiner Linken. Rechts von mir stand ein Onkel väterlicherseits – er rief meiner Mutter im Türrahmen beruhigende Worte zu. Es ging blitzschnell; ehe ich mich versah, saß ich auf den Schultern meiner Mutter. Die Verwandten und Freunde klatschten und riefen: „Vorbei und beendet – gelobt sei Gott!“ Ich war vom unbeschnittenen zum beschnittenen Muslim verwandelt.“[12]

In Deutschland wird der Eingriff in der Regel ambulant mit örtlicher Betäubung in einer urologischen Praxis oder einer Klinik durchgeführt.

Beschneidungskostüme sind in der türkischen Tradition sehr beliebt. Inzwischen kann man sie auch in Deutschland in türkischen Bekleidungsgeschäften erwerben oder per Internet bestellen.

 


[1]        Aus den Suren 3:95 und 16:123, die zur Nachfolge des Propheten Abraham aufrufen,  wird von gläubigen Muslimen gelegentlich eine Handlungsaufforderung zur Beschneidung abgeleitet. Der Worlaut der Suren, nachzulesen in Hartmut Bobzin: Der Koran, München 2010: Sure 3:95 – Sprich: „Gott sagt die Wahrheit. So folgt der Glaubensweise Abrahams, eines wahren Gläubigen –  und er war keiner von den Beigesellern.“ Hartmut Bobzin: Der Koran, München 2010, 57 und: Sure 16:123 –  Dann gaben wir dir ein: „Folge der Glaubensweise Abrahams als eines wahren Gläubigen. Er war keiner der Beigeseller.“, Hartmut Bobzin: Der Koran, München 2010, 240.

[2]        Dieser Hadith stammt aus einem Gespräch mit dem islamischen Theologen Arif Karademir (vgl. Kap. 4) des Integrations-, Kultur- und Bildungsverein in Würzburg / Unterfranken e.V. (I.K.B).

[3]        Vgl.: Monika und Udo Tworuschka: Islam-Lexikon. Stichwort „Beschneidung“, Düsseldorf 2002, 35f.

[4]        Vgl. hierzu und zum Folgenden:  Melanie Miehl: 99 Fragen zum Islam, Gütersloh 2001, 25f.

[5]        Melanie Miehl: 99 Fragen zum Islam, Gütersloh 2001, 25.

[6]        Melanie Miehl: 99 Fragen zum Islam, Gütersloh 2001, 25.

[7]        Peter Heine: Stichwort „Bescheidung“, in Adel Khoury u. a.: Islam-Lexikon. Geschichte, Ideen, Gestalten, Band A-F,  Freiburg im Breisgau 1991, 122-124.

[8]        Nadeem Elyas war lange Jahre Vorsitzender des Zentralrates der Muslime und ist z.Z. Beiratsvorsitzender des Verbandes.

[9]        Text ist einsehbar unter: http://islam.de/200776.

[10]       Monika und Udo Tworuschka: Islam-Lexikon. Stichwort „Beschneidung“, Düsseldorf 2002, 35-37.

[11]    Vgl. hierzu und zum Folgenden: Necla Kelek: Die verlorenen Söhne: „Ich bin ein Mann“, 109-122. Die Autorin beschreibt in diesem Kapitel ausführlich die Beschneidungsfeierlichkeiten  ihrer beiden vier und neun Jahre alten Neffen, die sie in der ländlichen Türkei miterlebte.

[12]       Das vollständige Interview mit Feridun Zaimoglu ist nachzulesen unter: http://de.qantara.de/Der-Staat-hat-sich-nicht-zu-ueberdehnen/19590c499/index.html.

 

(Quelle: Iris Bouhra, Die Debatte in den Medien zum Thema „Beschneidung aus religiösen Gründen im Jahr 2012“, qualitative Analyse einer ZDF-Talkshow aus religionswissenschaftlicher Perspektive, 2013)