Iris Bouhra – Freie Autorin

Marokkos Frauen

Frauenrechte in Marokko

 

Neues Familienrecht – 2004

 

Der 10. Oktober 2003 ist für Marokko ein historisches Datum. An jenem Freitag verkündete König Mohammed VI. in seiner Thronrede die Reform des Personenstandsrechts (Mudawwana).

 

Früher lebenslang minderjährig

 

Seit 1956 besaßen Marokkos Frauen das aktive und passive Wahlrecht sowie das Recht auf kostenlose Schulbildung, doch selbst im Erwachsenenalter und als beruflich erfolgreiche Frauen, sei es als Ministerin, Unternehmerin oder Sportlerin, blieben sie ihr ganzes Leben lang minderjährig. Diesem archaischen Gesetz aus dem Jahre 1957 lag die sunnitisch-malekitische Rechtsschule zugrunde.

Die Frauen mussten erst ihren Eltern und nach ihrer Heirat ihren Ehemänner lebenslang gehorchen, denn das damalige Grundprinzip der Ehe lautete: Gehorsam im Tausch gegen Versorgung. Der Mann als Familienoberhaupt verdiente das Geld und die Frau ordnete sich ihrem Mann unter. Tat sie das nicht, konnte er sie jederzeit ohne Hinzuziehung eines Richters verstoßen.

Damit ist nun Schluss, zumindest dem Gesetz nach sind diese Prinzipien aufgehoben: Die Frauen sind den Männern auf juristischer Ebene gleichgestellt.

Mit Inkraftsetzung des neuen Personenstandsgesetzes müssen die Marokkanerinnen ihren Männern nicht mehr bedingungslos gehorchen. Die Frauen haben das Recht, ihrerseits die Scheidung zu beantragen. Über eine mögliche Trennung wird seitdem nicht mehr vor islamischen Geistlichen sondern vor staatlichen Familienrichtern verhandelt. Geheiratet wird frühestens ab dem 18. Lebensjahr und der Mann hat idealerweise nur eine Ehefrau (von Ausnahmen abgesehen).

 

Reform des Personenstandsrechts (Mudawwana)

 Welche Neuerungen traten in Kraft?

 

  1. Die Ehefrau und der Ehemann sind gemeinsam und gleichberechtigt für den Haushalt und die Familie verantwortlich; die bisherige Pflicht der Frau, dem Mann zu gehorchen, wird abgeschafft.
  2. Männer und Frauen können gleichberechtigt und aus freien Stücken eine Ehe schließen. Die Frau braucht keinen Vormund mehr, kann sich aber vertreten lassen. Die Möglichkeiten des Mannes, bis zu vier Frauen zu heiraten (Polygamie), werden stark eingeschränkt.
  3. Der Ehemann kann seine Frau nicht mehr ohne weiteres verstoßen; den Frauen wird die Scheidung erleichtert. Das Aussprechen der Scheidungsformel (talaq) reicht nicht mehr aus, ebenso wenig wie der Vollzug der Ehescheidung vor einem Notar (adul). Das Scheidungsersuchen des Mannes oder der Frau muss in jedem Fall von einem staatlichen Familiengericht autorisiert werden.
  4. Das Mindestheiratsalter für Frauen wird auf 18 Jahre heraufgesetzt; Ausnahmen sind mit richterlicher Genehmigung möglich.
  5. Kinder, die vor der Ehe (während der „Verlobungszeit“) gezeugt wurden, werden bei Eheschließung als gemeinsame Kinder anerkannt. Weigert sich der Mann, die Vaterschaft anzuerkennen, kann er zum Vaterschaftstest gezwungen werden. Bisher war das in Marokko nicht möglich, weshalb sich viele Väter der Verantwortung für nicht eheliche Kinder entzogen, was die Zahl allein erziehender Mütter in Marokko in die Höhe trieb.

Mit dieser Reform gehören die Marokkanerinnen (gemeinsam mit den Tunesierinnen), zumindest in der Theorie, zu den emanzipiertesten Frauen der arabischen Welt. Doch die meisten kennen ihre Rechte nicht – oder sie können sich eine Scheidung aus wirtschaftlicher Not heraus nicht leisten.

 

Wirtschaftliche Not

 

Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation, die die Frauen in der Regel nach einer Scheidung erwartet, bleiben viele Frauen trotz persönlichem Unglück oder Gewalterfahrungen oder der Kinder zu Liebe („Sie opfern sich für die Kinder“) mit ihrem Mann verheiratet. Nur in den seltensten Fällen erhält die Frau nach einer Trennung Unterhaltszahlungen von ihrem geschiedenen Mann. Die Aussicht auf eine erneute Heirat ist für eine geschiedene Frau sehr gering, da viele Männer lieber mit einer Jungfrau die Ehe eingehen wollen. Hinzu kommt, dass sie sich fragen, warum diese Frau geschieden ist. Vielleicht hat sie ja einen schwierigen und eigenwilligen Charakter?

 

Problem Bildung

 

Um ihre Rechte in Anspruch nehmen zu können, müssen Marokkos Frauen diese kennen.Etwa zwei Drittel der Marokkanerinnen sind Analphabetinnen. In einigen ländlichen Regionen haben bis zu 90 Prozent der Mädchen niemals in ihrem Leben eine Schule von innen gesehen. Wie soll ein Mädchen oder eine junge Frau, die weder lesen noch schreiben kann, die aktuelle Gesetzeslage kennen? Sie können nicht wissen, dass sie als Minderjährige nicht mehr verheiratet werden dürfen.

Aus den genannten Gründen sind die Erfolge der Gesetzesänderung nur minimal. Noch immer werden Mädchen im zarten Alter von 13 Jahren (oder jünger) verheiratet und auch die Polygamie wird weiterhin praktiziert.

 

 

Frauen-Unrecht

 

Alleinerziehende Frauen

 

Über ein Drittel der marokkanischen Frauen lebt unterhalb der Armutsgrenze. 16 Prozent der Kinder müssen in ungeschützten Verhältnissen arbeiten, z.B. als Straßenhändlerinnen, im Sexgewerbe und als Haushaltshilfen. Rechtliche Diskriminierung, Armut und gesellschaftliche Marginalisierung schließen immer mehr Frauen vom Zugang zu wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen aus. Etwa 70 Prozent der Frauen können nicht lesen und schreiben.

In der patriarchalen, frauenfeindlichen Gesellschaft Marokko haben vergewaltigte, sitzengelassene oder verwitwete Frauen kaum eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben für sich und ihre Kinder. Sie sind quasi entrechtet. So leben sie auf der Straße oder in winzigen teuren Hinterhof-Verschlägen (die tägliche Miete beträgt etwa 6,–Euro). Diese Frauen haben kein Geld, um ihren Kindern Kleidung und Lebensmittel zu kaufen. So gehen die Kinder arbeiten, um die Miete für den nächsten Tag zu sichern und vernachlässigen die Schule. Bis spät in die Nacht verkaufen sie den Touristen in Clubs und Casinos Taschentücher, Luftballons und Blumen. Selbst wenn ihre Mütter putzen gehen, werden sie von der Gesellschaft gnadenlos als rechtlose Menschen angesehen. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind Vergewaltigungen und ausbleibende Löhne. Viele Frauen sind ständig krank und medikamentenabhängig und können den   Fürsorgepflichten für ihre Kinder kaum nachkommen.

 

Gesellschaftliche Doppelmoral

Uneheliche Kinder (Kinder der Sünde)

 

Wenn beim Beischlaf ohne Trauschein ein Kind entsteht, werden in streng patriarchalen Gesellschaften wie beispielsweise die Maghrebländer Marokko, Tunesien, Algerien  und auch Ägypten vor allem die Frau und das Kind bestraft. So wird von der Frau erwartet, dass sie das Kind entweder zur Adoption freigibt oder abtreiben lässt. Es ist ein strenges Tabu, nicht verheiratet und schwanger zu sein und hat für die Frau maximale soziale Konsequenzen: Ausschluss aus dem Familienverband, soziale Ächtung bis zum Zwang zur Prostitution, um für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können. Offiziell existiert dieses Problem gar nicht, wie so viele (soziale) Probleme in diesem Land „nicht existieren“.

Aus diesem Grund ist die Zahl der Kinder, die einfach ausgesetzt werden oder zur Adoption freigegeben werden, entsprechend hoch. Dasselbe gilt für Vaterschaftsklagen. Unverheiratete schwangere Frauen sind zur Prostitution verdammt, wollen sie überleben. Aus Angst vor drohenden Geld- und Gefängnisstrafen lösen sie ihr Problem häufig heimlich.

Früher wurden die Mädchen noch sehr jung verheiratet und es war keine Seltenheit, bereits im zarten Alter von elf Jahren einen wesentlich älteren Mann zu heiraten. (Was auch heute noch vorkommt.) Da es selten dazu kam, waren außereheliche Schwangerschaften in Marokko kein großes gesellschaftliches Thema. Kam es doch mal zu einer ungewollten und außerehelichen Schwangerschaft, so blieb diese in der Regel geheim, denn Mütter und Tanten kümmerten sich darum. Sie schickten die Schwangere in den letzten Monaten zu Verwandten und das Baby wurde nach der Geburt irgendwo untergebracht.

Heute werden uneheliche Kinder vielfach stigmatisiert, gesellschaftlich ausgegrenzt und durch Gesetze diskriminiert. Eine UN-Studie vom Frühjahr 2003, die die Stadtverwaltung von Casablanca mit UN-Unterstützung sowie marokkanischen Nichtregierungsorganisationen durchführte, kam zu folgenden Ergebnissen:

Die durchschnittliche ledige Mutter ist heute etwa 26 Jahre alt, in vier von fünf Fällen entstammt sie dem städtischen Milieu und tendenziell der Unter- bzw. unteren Mittelschicht. Sie hat viele Geschwister, und das Familienoberhaupt ist meist entweder Bauer, Arbeiter oder Kleinhändler. Jede dritte betroffene Frau ist vaterlos. 45 Prozent der ledigen Mütter haben keine Schule besucht, der Rest hat maximal die Mittlere Reife. Der Anteil der Frauen, die aufgrund einer Vergewaltigung oder Prostitution schwanger geworden sind, liegt bei sechs bzw. drei Prozent. Jede fünfte hat versucht, die Schwangerschaft abzubrechen.

 

Qualitative Studie

 

Eine 2005 in Marokko erschienene qualitative Studie über ledige Mütter belegt, was schon lange vermutet wurde: Es gibt wesentlich mehr unverheiratete Schwangere und außereheliche Kinder als erwartet, und dieses Phänomen weitet sich aus. Die Gründe hierfür liegen nicht im Wertewandel der Frauen, sondern sind vor allem in Unwissenheit und wirtschaftlicher Not zu suchen. Eine Mutterschaft außerhalb der Ehe wird mehrheitlich nicht als freiwillige Entscheidung angesehen. Marokkanische Frauen entscheiden sich nicht bewusst für ein Kind ohne Mann, denn solche eine Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen für ihr Leben: Ledige Mütter stehen am unteren Ende der sozialen Skala und sind dreifach ausgeschlossen: ökonomisch, gesellschaftlich und familiär.

 

Ehe mit dem Vergewaltiger

 

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten für das Opfer: Sie heiratet ihren Vergewaltiger, damit dieser sein Bedürfnis auf legale Weise befriedigen kann oder sie wird Prostituierte. Die Frau hat selbst schuld.“ Diese Aussage spiegelt durchaus die gängige Meinung einer breiten Bevölkerungsschicht in Marokko wider.

Auch in Marokko war diese Praxis üblich, bis sich im März 2012 die 16-jährige Amina Filali das Leben nahm, um der Ehe mit ihrem Peiniger zu entgehen. Mit ihrem Tod entfachte sie in Marokko eine heftige Debatte über den Artikel 475 des Strafgesetzbuches. Dieser Artikel gewährte dem Täter Straffreiheit und bewahrte ihn vor dem Gefängnis, wenn er sein Opfer im Sinne einer „Wiedergutmachung“ heiratete. Die marokkanische Regierung kündigte schließlich eine Überarbeitung dieses Artikels an und Anfang 2014 wurde dieses „Vergewaltiger-Gesetz“ endlich abgeschafft. Für Amina kam diese Veränderung zu spät. Wenige Monat nach ihrer Verheiratung mit dem Vergewaltiger hatte sie Rattengift geschluckt und war eines qualvollen Todes gestorben.

Die Abtreibung ist in Marokko verboten. Nur in seltenen Fällen, wenn unmittelbare Gefahr für das Leben der Mutter besteht, darf diese durchgeführt werden.

 

Marokkos Frauenhäuser

 

Die Opfer häuslicher Gewalt suchen zuerst einmal Hilfe bei der Familie oder den Nachbarn. Der Weg ins Frauenhaus kommt erst in Frage, wenn sich für die Frau keine Alternativen bieten. Verzweifelte junge unverheiratete Mütter lösen das Problem ihrer ungewollten Mutterschaft häufig,  indem sie ihre Kinder „verkaufen“, auf der Straße aussetzen, „wegwerfen“ oder gar töten.

Frauenhäuser gibt es inzwischen in zahlreichen Städten Marokkos wie Casablanca, Marrakesch, Agadir, Essaouira, Taza, Najda, Tilla, Fès, Oujda und Tanger. Die Probleme der Frauen werden zunehmend publik und den Frauen wird geholfen, so gut es geht durch:  

  • zahlreiche Frauenhäuser
  • Beratungsstellen
  • mobile Informationskampagnen in ländlichen Gebieten
  • kostenlose telefonische Beratung