Iris Bouhra – Freie Autorin

Marokkos Könige

 

Marokkos Monarchie gehört zu den ältesten der Welt. Laut Verfassung hat das Land eine konstitutionelle Monarchie, der Regierungsstil seiner Monarchen kommt jedoch einer absoluten Monarchie gleich. 

Hassan II

 

Hassan II war ein skrupelloser Despot, der sowohl gegen die marokkanischen Bürger als auch gegen seine eigenen Kinder autoritär vorging. Zu Zeiten von Hassan II war die Angst vor der Willkür des übermächtigen Königs überall im Land spürbar. Wenn von den Jahren seiner Regentschaft die Rede ist, dann spricht man von den „bleiernen Jahren“.

 

Putschversuche gegen den König

 

  • 1971 stürmten Kadetten den Skhirat-Palast
  • Am 16.8.1972 griff Verteidigungsminister Mohammed Oufkir vergeblich nach der Macht

 

Die bleiernen Jahre

 

Während der Regierungszeit von Hasssan II verschwanden tausende Menschen in geheimen (Folter-)Gefängnissen oder Straflagern des Landes wie „Tazmamart“ im Süden des Landes, Bir-Jdid oder Tamattaght. Viele Menschen verließen diese Orte des Grauens nur, um begraben zu werden. Andere wurden nach langen entbehrungsreichen Jahren begnadigt und blieben für ihr restliches Leben gezeichnet.

 

 

Mohammed VI

 

Als sein Vater 1999 plötzlich starb, übernahm sein Sohn Mohammed die Macht. Er war erst 36 Jahre alt, als er den Thron bestieg und das marokkanische Volk setzte große Hoffnungen in seinen jungen Monarchen. Er vermittelte ihnen das Bild eines offenen, modernen Monarchen, der sich für die armen Menschen seines Landes einsetzt.

 

Von Demokratie keine Spur

 

Die Erwartungen der Menschen wurden nicht erfüllt. Wie einst sein Vater, vereint auch Mohammed VI in seinem Amt immer noch eine schier unermessliche Machtfülle. So ist er per Verfassung zugleich Regierungschef, Oberbefehlshaber der Armee und Führer der Gläubigen. Bis vor kurzem war Marokkos König heilig und unantastbar, heute ist er zwar nicht mehr heilig, jedoch immer noch unantastbar.

Nach außen präsentiert er sich wie einst der tunesische Präsident Ben Ali als moderner weltoffener Herrscher, in Marokko ist er jedoch ein absoluter Monarch, der sein Land mit eiserner Faust regiert. Nach wie vor ist es schwierig, konkrete politische Kritik, insbesondere am Regime von Mohammed VI, auszusprechen.

Mohammed VI – der absolute Monarch: https://www.youtube.com/watch?v=NYelXuPEXiI

 

Vergangenheitsbearbeitung: Die „Wahrheitskommission“

 

Am 7.1.2004 berief Mohammed VI eine sogenannte Wahrheitskommission. Ziel dieser Kommission war es, den Menschenrechtsverletzungen, die unter seinem Vater Hassan II in den Jahren seit der Unabhängigkeit 1956 bis zu seinem Tod 1999 begangen wurden, ein öffentliches Forum zu bieten. In Form von öffentlichen Anhörungen bekamen die ehemaligen politischen Gefangenen die Gelegenheit, über ihre Qualen zu sprechen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Es gab Live-Übertragungen in Rundfunk und Fernsehen.

Die Kommission hatte die Anträge von 22.272 Personen, die Menschenrechtsverletzungen angezeigt hatten, zu prüfen. Dabei handelte es sich um willkürliche Verhaftungen, Ausweisungen und Fälle von „verschwinden lassen“. Zur Aufklärung der Fälle wurden Dokumente aus marokkanischen und internationalen Quellen gesichtet, um Art, Dauer und Tragweite der Menschenrechtsverletzungen nachweisen zu können. Die Opfer wurden persönlich angehört und jeweils Nachforschungen in offiziellen Archiven vorgenommen.Neben den Anhörungen kümmerte sich die Wahrheitskommission um die psychische und gesundheitliche Rehabilitation von Opfern und Angehörigen und war bei administrativen, beruflichen und juristischen Problemen behilflich.

Umstritten an der Vorgehensweise war, dass die Täter nicht namentlich erwähnt wurden. Um dies zu gewährleisten, mussten sich die Zeugen (Opfer) vor ihrer Anhörung dazu verpflichten, keine Namen der Verantwortlichen zu nennen. Die Wahrheitskommission stellte keine alternative juristische Instanz dar, und somit konnten die Täter letztendlich für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Einen politischen Wandel oder Systemwechsel zogen diese Anhörungen nicht nach sich.


Mohammed VI – selbsternannter „König der Armen“

 

Obwohl er selbst einer der reichsten Könige der Welt ist, lässt sich Mohammed VI, im Volksmund kurz M6 genannt, gerne als „König der Armen“ feiern. Kritiker sagen, M6 sei verantwortlich für die Armut seines Landes. Der regimekritische Schriftsteller Abdellatif Laâbi meint dazu, M6 regiere sein Land wie einen „multinationalen Konzern“, dessen Ziel es sei, die Aktionäre noch reicher zu machen. Laâbi veröffentlichte 2012 ein Buch mit dem Titel „Der Plünderkönig“. Darin kommt Laâbi zu dem ernüchternden Fazit, dass der marokkanische König und sein Umfeld (Makhzen) sich hemmungslos an der marokkanischen Volkswirtschaft bereichern und diese ohne Rücksicht auf das Wohl des Volkes ausplündern. Das Buch wurde (selbstverständlich) sofort nach seinem Erscheinen in Marokko verboten.

 

Makhzen, priviligierte königstreue Elite

 

Als „Makhzen“ wird die politische Entourage des Königs bezeichnet. Die „Makhzen“ setzt sich aus königstreuen Marokkanern zusammen, die in erster Linie die Aufgabe haben, die Machtbasis des Königshauses zu festigen. Dazu werden geeignete Kinder aus ganz Marokko ausgewählt. Sie haben das Privileg, im königlichen Palast zu leben und dort mit dem königlichen Nachwuchs  aufwachsen zu dürfen. Sie genießen eine elitäre Erziehung und Ausbildung in der Palastschule. Im Erwachsenenalter kann sich der König auf die mit ihm aufgewachsenen Marokkaner verlassen und seine Regentschaft stabilisieren. Die wichtigsten politischen Positionen Marokkos werden mit seinen Weggenossen aus dieser Zeit besetzt.

Die einfache Bevölkerung ist nach wie vor vom Wohlwollen der Makhzen abhängig, die Korruption durchdringt alle Ebenen der Institutionen und erhält Marokkos krankes System am Leben.

 

Reformen während der Herrschaft von M6

 

  • Die Anerkennung der Berberkultur im Jahr 2000 als zentrales Element nationaler Identität. Erstmalig wurde das Wort „Amazigh“ (die Bezeichnung der nicht-arabischen Bevölkerung Marokkos) in der Thronrede verwendet
  • Erstmals ist eine Frau des Königs in der Öffentlichkeit sichtbar und nimmt die Rolle an der Seite des Monarchen ein.
  • Stärkung der Frauenrechte
  • Eine größere Medienvielfalt, die jedoch immer wieder durch Haftstrafen für Journalisten eingeschränkt wird.
  • Zunehmende Meinungsfreiheit.
  • „Faire“ Wahlen.
  • Trotz aller „Modernisierungen“ bleibt es Tabu, die Monarchie in Frage zu stellen.
Stimmen aus der marokkanischen Bevölkerung:

 

„Ich schäme mich für mein Land!“

 

„Im Ausland gibt M6 sich als moderner, weltoffener Monarch und in Marokko lässt er sich wie ein Gott feiern. Sein Vater, Hassan II war auch streng, aber er war ehrlich. Sein Sohn hat zwei Gesichter. Als sein Vater König war, war ich stolz darauf, Marokkaner zu sein. Heute, unter M6 schäme ich mich für meine Nationalität. Immer mehr junge Menschen sterben im Mittelmeer, weil sie in ihrer Heimat hungern müssen und keine Arbeit haben und nach Europa wollen. Damals war Alkoholkonsum verboten und strafbar, Prostitution ebenso. Heute zeigen sich die Prostituierten in der Öffentlichkeit. Ich schäme mich für mein Land.“

 

Tourismus und zu viel Freiheit

 

„Unter Hassan II war das Leben schön damals in Marokko. Mohammed VI hat alles kaputt gemacht. Er hat den Menschen zu viel Freiheit gegeben. Mit Hassan II gab es auch Freiheit, aber in Grenzen und es gab auch Tourismus, aber die Touristen mussten unsere Kultur respektieren. Heute gibt es grenzenlose Freiheit im Tourismus und viele Touristen kommen nur wegen Sex nach Marokko, sie meinen Marokko sei Thailand. Sie interessieren sich weder für unsere Kultur noch die Tradition und sie denken, dass sie mit Geld alle machen oder kaufen können.“

 

Grundnahrungsmittel sind überteuert

 

„Die Preise von Fisch, Obst und Gemüse sind viel zu hoch. Ein einfacher Arbeiter verdient etwa 100Mdh am Tag und ein Kilo Fleisch kostet 70Mdh, d.h. sie können sich das nicht leisten. Sie können sich nur sehr selten Fleisch kaufen. Unter Hassan II waren die Nahrungsmittel billiger und die Menschen mussten nicht hungern.“