Iris Bouhra – Freie Autorin

Soziale Situation im Überblick

 

Die soziale Situation in Marokko heute

Marokko wird von einem Monarchen regiert, der über eine fast unbegrenzte Machtfülle verfügt, die durch das Parlament und die Verfassung kaum eingeschränkt wird. Staatsreligion ist der Islam. Marokko war bis 1965 französische Kolonie. Daher ist das marokkanische Bildungssystem weitestgehend nach dem französischen Vorbild organisiert, jedoch in vielen Bereichen rückständiger. Die Schulpflicht besteht seit 1959, es besuchen jedoch nur ca. 78% der Kinder die Schule. Auf dem Land beträgt die Analphabetenrate 72%, davon ist die Mehrheit weiblichen Geschlechts. So gehören Analphabetismus und Kinderarbeit heute mit zu den größten sozialen Problemen des Landes.

Gut ausgestattete Krankenhäuser gibt es nur in größeren Städten, auf dem Land ist die medizinische Versorgung nach wie vor unzureichend. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung mit einem relativ bescheidenen Einkommen leben muss, haben die Menschen immer etwas Geld übrig, um sich in einem Internet-Café über die westliche Welt zu informieren. Diese Internet-Cafés sind über das ganze Land verstreut und selbst in der Wüste findet man eine Gelegenheit zum Internetsurfen.

Angeregt durch die Medien oder durch Auslandsaufenthalte von Freunden und Verwandten sowie die zunehmende wirtschaftliche und berufliche Perspektivelosigkeit im eigenen Land, die eine Familiengründung sehr schwer bis unmöglich macht, kommen immer mehr junge marokkanische Muslime zum Studieren nach Deutschland. Sie erweitern dadurch zunehmend ihren Horizont und das bringt natürlich ein Aufweichen der eigenen Tradition mit sich.

Die jüngere Generation strebt zunehmend nach Freiheit und Unabhängigkeit und anderen Erfahrungen, die jenseits des traditionellen Erfahrungshorizontes und der Lebensauffassung einer islamisch geprägten Kultur liegen. So angeregt, wollen sie sich ihr Leben selbst und auch anders gestalten. Die Mehrheit der marokkanischen Studenten, die nach Deutschland zum Studieren kommen, stammt aus dem Norden Marokkos. Dort befinden sich auch die wirtschaftlichen Zentren und Großstädte des Landes. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass dort ein enges Nebeneinander von Tradition und Moderne gelebt wird.

Im Stress der Großstadthektik ist auch in Marokko eine zunehmende Anonymität unter den Menschen zu beobachten. Die Tradition der Nachbarschaft existiert noch, aber die der Brüderlichkeit lässt in den Großstädten nach, so dass man echte brüderliche Hilfe nur noch selten findet. Viele junge Marokkaner wollen ebenso modern und frei leben wie dies in Europa üblich ist. Dies beinhaltet für sie u. a. Freiheit von der „Kontrollinstanz Familie“, eine Freundin zu haben, auszugehen sowie ein Auto zu besitzen. In der Millionenstadt Casablanca können die Jugendlichen diese Freiheiten leichter erlangen, indem sie beispielsweise das Wohnviertel (Quartier) wechseln. So entziehen sie sich für eine Weile der Kontrolle ihrer Eltern, Verwandten, Bekannten und Nachbarn, um in Ruhe ihre Freundin zu treffen oder um auszugehen.

Je kleiner die Städte werden, umso begrenzter sind auch die Freizeitmöglichkeiten und umso größer wird die familiäre (soziale) Kontrolle. Die soziale Situation in den kleineren Städten sowie den ländlichen Regionen Marokkos unterscheidet sich grundlegend vom Leben in der Großstadt. Auf dem Land wird das Zusammenleben der Menschen von der Tradition geprägt und Begriffe wie Brüderlichkeit und Nachbarschaft haben immer noch eine große Bedeutung. Außerdem ist es von der Mentalität der jeweiligen Familie abhängig, inwiefern diese sich an der Tradition orientiert und wieviel Raum sie dieser in ihrem Leben gibt.

Bei der jungen Generation zeigen sich vielfältige Anzeichen einer Abkehr von der traditionellen Denkweise. Dabei handelt es sich um folgende Inhalte:

  • Die jungen Männer beginnen, die Vaterrolle neu zu definieren. Sie wollen weniger streng zu ihren eigenen Kindern sein und mehr ein Freund ihrer Kinder werden.
  • Die Ehefrau wird mehr zur Partnerin des Mannes.
  • Die Frauen sind zunehmend berufstätig, was ihr auch mehr und mehr von den Männern zugestanden wird.
  • Die Kinderzahl pro Familie sinkt, denn die junge Generation möchte bedeutend weniger Kinder als ihre Eltern haben.
  • Auch durch das zunehmende Großstadtleben steigt die Tendenz zur Kleinfamilie.
  • Die Scheidungsrate weist eine steigende Tendenz auf und es gibt zunehmend (unfreiwillig) alleinerziehende Frauen.
  • Eine oder mehrere Freundinnen vor der Ehe zu haben ist in der jungen Generation (für die jungen Männer) nichts Ungewöhnliches mehr.

 

Trotz dieses Wandels gilt weiterhin:  

  • Die Ehe wird immer noch sehr hoch geschätzt und als einzig legale Form des Zusammenlebens von Mann und Frau angesehen.
  • Die Mutter wird nach wie vor sehr verehrt und geschätzt.

 

 

Weitere Infos zur schwierigen Lage der marokkanischen Bevölkerung unter:

https://www.bmz.de/de/laender_regionen/naher_osten_nordafrika/marokko/zusammenarbeit/index.html

 

„Die soziale Lage vieler Marokkanerinnen und Marokkaner ist schwierig, die Kluft zwischen Arm und Reich groß. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) von 2014 liegt Marokko auf Rang 126 von 188 Ländern. Die Analphabetenrate bleibt mit rund 30 Prozent der über 15-Jährigen eine der höchsten der arabischen Welt.

Besonders problematisch ist die Lage in den ländlichen Regionen, wo der Zugang zu Bildungsangeboten und Gesundheitsdiensten deutlich schlechter ist als in den Städten. Viele Landbewohner wandern deshalb in Städte ab. Dadurch verschärfen sich dort die Probleme. Vor allem Mädchen und Frauen leiden darunter, dass Schulen und Krankenhäuser auf dem Land oft nur schwer erreichbar sind. Zwar wurde die rechtliche Situation für Frauen im Vergleich zu anderen Ländern der Region im vergangenen Jahrzehnt verbessert, allerdings bleiben ihre Chancen auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz durch soziale und kulturelle Einschränkungen begrenzt.

Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex der Nichtregierungsorganisation Transparency International stand Marokko 2016 auf Platz 90 von 176 bewerteten Staaten. Dies zeigt sich im Alltag, wenn Bürgerinnen und Bürger Dienstleistungen bei Ämtern nachfragen, ärztliche Behandlung suchen oder Unternehmen gründen möchten.

Die Herausforderungen sind groß, doch die Regierung ist entwicklungsorientiert: Ein politischer Schwerpunkt liegt seit 2005 auf der Umsetzung der Nationalen Initiative für menschliche Entwicklung (Initiative Nationale pour le Développement Humain, INDH), die gemeinsam mit der Weltbank und der EU beschlossen wurde. Mit ihr sollen Armut und soziale Ausgrenzung bekämpft werden.

Die Reformen zahlen sich aus – zum Beispiel bei der Trinkwasser- und Stromversorgung. Mittlerweile haben rund 97 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Strom, etwa 85 Prozent haben Zugang zu sauberem Wasser. In den Städten ist die Trinkwasserversorgung vollständig gesichert.“

 

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge:

Länderinformationsblatt MAROKKO (Juni 2013)

 

http://www.bamf.de/SharedDocs/MILo-DB/DE/Rueckkehrfoerderung/Laenderinformationen/Informationsblaetter/cfs_marokko-dl_de.pdf?__blob=publicationFile

 

 

 Juliette Borsenberger:

Marokkos Perspektive für eine menschliche Entwicklung nach 2015

 

https://www.hss.de/fileadmin/media/downloads/Berichte/1408_AMEZ_Marokko_MDG.pdf